Vierte Protest-Kundgebung gegen die inhumane Abschiebung der
Familie Berisha in das Kosovo/Südserbien
Donnerstag, den 04.12. 2008, 16.30 Uhr
Ludwigshafen
am Lichttor (Vor dem Rathaus-Center)
Am frühen Morgen des 4. November wurden nach 17 (!) Jahren Aufenthalt in Deutschland eine Mutter und vier ihrer fünf Kinder, drei sind in Deutschland geboren, aus einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigshafen nach Pristina, Kosovo in Südserbien gewaltsam abgeschoben.
Die Mutter ist schwer herzkrank. Ihre
medizinische Versorgung ist im Kosovo äußerst
ungewiss.
Die Familie erhält derzeit keinerlei finanzielle
oder sonstige Unterstützung und lebt
in einer nicht beheizbaren Notunterkunft.
Die Familie gehört der Minderheit der Ashkali an, gegen die im Kosovo im Jahre 2004 wie auf Serben ein Pogrom verübt wurde. Dabei wurden 19 Menschen getötet.
Während des Angriffskriegs der Nato 1999 wurden über 250 000 Roma und Ashkali durch völkische und nationalistische Kräfte - unterstützt vom BND - vertrieben und dabei über 2000 ermordet.
Die Minderheit der Roma und Ashkali haben im Kosovo/Südserbien so gut wie keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und Arbeitsmöglichkeiten.
Die Abschiebung war unmenschlich und verstößt gegen die Genfer Flüchtlingskonvention.
Wir fordern von der Stadtverwaltung Ludwigshafen:
ein sofortiges Rückkehrrecht und Bleiberecht für die Familie!
Für diese Forderung wurden bis jetzt weit über 700 Unterschriften gesammelt.
Unterstützt diesen Protest, damit die kranke Mutter mit ihren Kindern recht bald nach Deutschland zurückkehren kann.
Abschiebungen stoppen!
Bleiberecht erkämpfen!
Info- und Solidaritäts-Veranstaltung am Donnerstag, den 18. Dezember, 19.30 Uhr in Ludwigshafen. Ort wird noch bekannt gegeben.
Initiative für die Rückkehr der Familie Berisha
V.i.S.P. R. Bleiberecht, Bismarckstr.244, 6735 Ludwigshafen
Repression - Solidarität und Widerstand
Die in LU lebende Familie
Yildiz aus der Türkei hat eine Geschichte, die der vieler anderer Familien sehr
ähnlich ist. Die Familie Yildiz kommt aus dem Teil der Türkei, in dem Kurdinnen und
Kurden leben. Die dort lebenden Menschen werden als Minderheit verfolgt und
unterdrückt - bis heute. Ich habe mich selbst davon überzeugen können, im Jahre
1998 vor nunmehr fast 8 Jahren.
Wer sich zu seiner
kurdischen Identität bekennt, ist vielfacher Verfolgung ausgesetzt. Der Mensch
hat dann Demütigung und Ausgrenzung, Job-Verlust, Zerstörung seines Hauses,
Vernichtung seiner Existenzgrundlagen, Gefängnis, Folter, Tod und Vertreibung
zu erwarten.
Fast 4000 Dörfer und kleinere
Städte wurden durch das türkische Militär dem Erdboden gleich gemacht,
Hunderttausende vertrieben, Tausende gefoltert, ins Gefängnis geworfen oder
ermordet.
Die Waffen, die auf
kurdische Menschen gerichtet wurden und werden, stammen großenteils aus
Deutschland. Seit 1980 seit dem Militär-Putsch in der Türkei - im Schutze eines
Nato-Manövers - werden fast ohne Unterbrechung Waffen aller Art aus der BRD an
die jeweiligen chauvinistischen Regime in der Türkei geliefert, zum Teil sogar
geschenkt, nach dem Anschluss der DDR beispielsweise Panzer der ehemaligen NVA.
Kürzlich wurde Giftgas gegen
kurdische Widerstandskämpfer eingesetzt - das verstößt eklatant gegen die
Genfer Konvention. Es gibt immer noch extra-legale Hinrichtungen, vom Staat
gedeckt und gesteuert. Folter wird weiterhin praktiziert und meist nicht bestraft.
Immer noch werden Menschen, wenn sie kurdisch sprechen, zu Strafen verurteilt. Auch
existiert ein spezielles Gesinnungsstrafrecht, das im Artikel 301 des
türkischen Strafgesetzes festgeschrieben ist. Der Artikel stellt unter Strafe -
jetzt wörtlich: die Verunglimpfung des Türkentums, der Republik und der
Grundlagen und Institutionen des Staates. Damit hat sich die Regierung eine
Handhabe zur Kriminalisierung fast jeglicher Kritik geschaffen. Dies sind
einige Stichworte, die die anhaltende und sogar vor einigen Monaten wieder
verstärkte Unterdrückung der kurdischen Minderheit kennzeichnen.
Die Ursachen für die Flucht
vieler Kurdischer Menschen in alle möglichen Länder, sind für die Bürokratie in
Deutschland, für die Bundesämter für Migration und Flüchtlinge, wie diese
wohlklingend heißen, für die Ausländerbehörden, die Verwaltungsgerichte, die
mit Asylverfahren befasst sind und nicht zuletzt für die Polizei, manche den
Behörden willfährige Ärzte und auch Abgeordnete, Minister usw. nur zweit- oder
drittrangig. Oft ist es noch drastischer: Die erschütternde Wirklichkeit wird
verharmlost z.B. durch beschönigende sog. Länderberichte, durch verlogene
Konstrukte, z.B. die Lüge von der angeblichen inländischen Fluchtalternative.
Das Recht auf Asyl ist bei
uns immer mehr ausgehöhlt und zu einer Farce verkommen. Die Asylpolitik ist
zutiefst inhuman und kaschiert nur noch mühsam den Krieg gegen die Flüchtlinge,
für den Schily sich schon stark gemacht hatte. Die herrschenden Parteien haben
1993 das Asylrecht faktisch abgeschafft. Das ursprüngliche relativ liberale Asylrecht
war nur eine vorübergehende Ausnahmeerscheinung in der Nachkriegszeit, eine
Konsequenz aus der faschistischen Ära, die Hunderttausende Menschen aus
Deutschland zu flüchten zwang.
Heiko Kauffmann, ein
Sprecher von Pro Asyl hat schon vor Jahren treffend von der 2. Verfolgung der
Flüchtlinge in der BRD gesprochen. Er bezeichnete die bundesdeutsche
Asylpolitik als organisierte Unmenschlichkeit. Die Folgen dieser Unmenschlichkeit
sind sicher einigen von euch bekannt. Zehntausende von Menschen mussten seitdem
in Lagern, sog. Asylunterkünften unter menschenunwürdigen Bedingungen leben:
immer in der Angst, frühmorgens abgeschoben zu werden oder vorher noch in
Abschiebehaft zu kommen, bis zu 1 ½ Jahren. Die ARI Berlin registriert seit 13
Jahren exakt die Folgen der unmenschlichen "Asylpolitik", zu
denen auch viele Tote und Verletzte gehören: Umgekommen an der Grenze, in den "Selbstmord" getrieben in einer Abschiebezelle, zu Tode gebracht bei Abschiebungen,
ermordet von Nazis. Dies ist eine lange Liste von staatlichem Rassismus und dem
Rassismus von Faschisten. Nicht zu vergessen in diesem Zusammenhang ist die
Hetze der Medien und vieler Politiker.
Die Lebens-Bedingungen für die
hier lebenden Flüchtlinge sind eine empörendes System aus Ausgrenzung und Hetze, Entwürdigung und
schikanöser Menschenverachtung. Mensch denke an die täglichen rassistischen
Razzien. Die Flüchtlinge werden auch durch Sondergesetze diskriminiert. Sie
unterliegen der in Europa einmaligen Residenzpflicht, werden in Lager
untergebracht, erhalten oft nur Sachverpflegung oder nur Gutscheine.
Asylbewerberinnen und Asylbewerber haben in der Regel Arbeitsverbot, erhalten
meist nur eine eingeschränkte medizinisch Versorgung. Die Entrechtung wird
gesteigert durch bis zu eineinhalb Jahre dauernder Abschiebehaft und gewaltsame
Abschiebungen. Sind es 20.000, 30.000 pro Jahr oder noch mehr, die jährlich
abgeschoben werden? Genau wissen wir es nicht. Es wird geschätzt, dass eine
halbe Million Menschen seit 1993 abgeschoben wurde. Die Zahl der sog. Illegalen
soll ½ bis 1 Million Menschen betragen.
Das heißt: die Unsicherheit
der Existenz, die nach F. Engels im Kapitalismus für jeden Arbeiter gilt, ist
bei Flüchtlingen generell extrem.
Flüchtlinge werden wie
Parias behandelt. Inzwischen wird tatsächlich Krieg gegen sie geführt. Letzten
Oktober wurde in Ceuta und Melilla auf Flüchtlinge von spanischen und
marokkanischen Grenzsoldaten scharf geschossen. Dabei gab es Tote. Dies ist nur
der Anfang. Die Weichen für eine weitere Militarisierung der Politik der
Flüchtlingsbekämpfung sind schon gestellt.
Die Mechanismen und
Strukturen der bundesdeutschen Asylpolitik verbreiten bei vielen Flüchtlingen
folgerichtig Angst und Schrecken. Dies ist auch von den Herrschenden beabsichtigt.
Flüchtlinge sollen sich erst gar nicht integrieren, sie werden als Menschen 2.
Klasse behandelt.
Nur vor diesem Hintergrund
wird überhaupt das ganze Ausmaß dessen verständlich, was die Familie Yildiz seitens
der Behörden hier erlebt hat.
Seit über 3 Jahren kennen
wir die Familie, kämpfen mit ihr für ihr legitimes Recht, hier zu bleiben. Am
Anfang stand das starke Bemühen der Ludwigshafener Ausländerbehörde, die
Familie abzuschieben. Es war die Festnahme des traumatisierten Vater in der
Ausländerbehörde geplant, obwohl kein Haftbefehl vorlag. Dem Vater wurde
letztes Jahr im Sommer der Prozess wegen sog. Residenzpflicht-Verletzung
gemacht. Die Familie muss dafür an Strafen und RA-Kosten etwa 1000 Euro
aufwenden. Hinzu kommen ca 3500 Euro für die Abschiebekosten, wohlgemerkt im
Jahre 1997. In Deutschland waren die Bürokraten schon immer sehr genau!
Die Tochter musste mehr als achtmal
wegen einer Duldung auf der Ausländerbehörde erscheinen. Nach verschiedenen
Klinik-Aufenthalten und ärztlichen Gutachten blieb Gericht und Behörden nichts
anderes übrig, als die schwere Traumatisierung bei Vater und Tochter endlich
ernst zu nehmen und anzuerkennen. Deshalb erhielten beide im letzten
Jahr ein Bleiberecht. Die Mutter und Ehefrau ist dadurch auch geschützt.
Aber der Sohn wurde angeblich nicht verfolgt Er soll jetzt
zum 2. Mal abgeschoben werden und ist akut von Abschiebung bedroht!
Die Familie, die 1991 zum
ersten Mal nach Deutschland flüchtete, wurde 1997 in die Türkei abgeschoben.
Nach der Zunahme der Verfolgung flüchtete sie 2001 ein 2. Mal. Die Familie hat
zusammen viel erlebt. Auch der Sohn, der noch ein Kind war, als er das 1. Mal
nach Deutschland kam und dann hier in die Schule ging. Die Familie darf nicht auseinander gerissen werden!
Inzwischen wurde seit Januar
dieses Jahres in 6 ärztlichen Stellungnahmen und Attesten vor der Abschiebung
des Sohnes gewarnt, weil dies mit hoher Wahrscheinlichkeit zur
Retraumatisierung, bei Vater und Tochter führen würde, d.h. zu nicht
vorhersehbaren schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Auch die
Gefährdung des Sohnes selbst wäre im Falle einer Abschiebung sehr hoch, wird
doch weiterhin Sippenhaft in der Türkei praktiziert. Zudem müsste der Sohn
falls er abgeschoben würde, Militärdienst machen.
Sowohl die
Härtefall-Kommission des Landes Rheinland-Pfalz, in der 3 Behördenvertreter
sitzen, die eine positive Entscheidung blockieren können, als auch der
Petitionsausschuss des Landtages haben inzwischen gegen ein Bleiberecht für
Sedat Yildiz entschieden. Das eine Mal am 3. Mai, der Petitionsausschuss am
letzten Donnerstag.
Wir interpretieren diese
Entscheidungen als ignorant, unverantwortlich und inhuman. Hier wird ein
lebensbedrohliches Risiko bei schutzbedürftigen Menschen zynisch einkalkuliert.
Wie ist überhaupt die
zunehmend unmenschlicher gewordene staatliche Asylpolitik zu begreifen, die
kalte Härte etwa bei Abschiebungen, mit denen Menschen Risiken wie Gefängnis,
Folter und Tod ausgesetzt werden, falls sie wieder in ihr Herkunftsland kommen?
Die Antwort ist nicht
schwer. Wer auf Krieg setzt und überall in der Welt sich an militärischen
Interventionen beteiligt, schafft damit eine wichtige Fluchtursache.
Die Flüchtlinge werden
inzwischen offenbar als Kollateralschäden von Interventionskriegen, die sogar
noch unter dem Label humanitärer Intervention geführt werden, abgebucht!
Sozusagen als lästige
Nebenerscheinung im Wettbewerb um Rohstoffe und Sicherung von Absatzmärkten.
Hier sind die immer wieder beschworenen wirklichen Sachzwänge zu suchen, als da
sind Profitlogik und Herrschaftssicherung.
Das Erschreckende für uns ist
immer, die Scheinheiligkeit dieser Asylpolitik, die ihre Inhumanität nur dadurch
mühsam kaschiert, dass sie die Flüchtlinge stigmatisiert und als unglaubwürdig
hinstellt.
Das Muster der immer
restriktiveren Gesetze ist relativ simpel: die Hürde für die Anerkennung als
Flüchtling wird immer höher gesetzt. Der Schutzgedanke des Asylrechts
verschwindet. Die ganze Asylpolitik wird zur Flüchtlingsabwehr transformiert,
garniert mit einem Schleier von angeblicher Rechtsstaatlichkeit.
Das verdinglichte
Bewusstsein der Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter (sie heißen nicht
umsonst so!) wird zur Mauer im Kopf und lässt eine Reflexion über die
grundsätzliche Legitimität von Schutz bei jedem Menschen in Not, überhaupt
nicht mehr zu.
Aber der Sachbearbeiter oder
die Sachbearbeiterin handelt korrekt, sachgesetzlich, ist fleißig, lehnt ab,
schiebt ab, ist stolz auf die wachsende Erfolgsquote seiner/ihrer
Abschiebepraxis.
Es ist letztlich falsch, die
angesprochene Inhumanität bei den subalternen einzelnen Beschäftigten alleine
zu suchen. Sicher sie sind verantwortlich für das, was sie tun. Aber das
Inhumane der Asylpraxis ist unbedingt auch im Systemzusammenhang zu begreifen.
Daher war der Titel eines Dokumentarfilms über Abschiebungen in Deutschund
treffend: „Härte mit System“!
Das Tieferlegende steckt in
einem Zitat von Max Weber, G. Lukacs zitiert. Weber macht den Zusammenhang von
Kapitalismus und abstraktem bürokratischen Staat und Rechtswesen deutlich.
Er schreibt, dass die modernen
Betriebsformen des Kapitals und ihrer exakten Kalkulation
nur da entstehen konnten, „ wo
… der Richter, wie im bürokratischen Staat mit seinen rationalen Gesetzen mehr
oder minder ein Paragrafenautomat ist, in welchen man oben die Akten nebst den
Kosten und Gebühren hineinwirft, auf dass er unten das Urteil nebst den mehr
oder minder stichhaltigen Gründen ausspeie: -.“
Das ist der Kern, die abstrakte,
der Profitlogik unterworfene sog. Sachgesetzlichkeit, die jeweils von den
Erfordernissen der Kapitalverwertung und der damit verbundenen Sicherung der Herrschaft
diktiert wird.
Das Seelenlose der Asylpolitik,
vor allem der Abschiebemaschinerie reflektiert die Seelenlosigkeit des Kapitals,
eines gesellschaftl. Verhältnisses, das die Verdinglichung zum quasinatürlichen
Verhältnis glorifiziert, und die Beziehungen der Menschen zu sachlichen
Verhältnissen verkehrt.
Die Abstraktion vom
Menschen, die Tendenz zur Entmenschlichung liegt also im System selbst
begründet. Die dies bewusstlos exekutieren, sind nur die Agenten des alles
abstrakt machenden Selbstverwertungszwangs.
Deshalb ist feststellbar,
dass zunehmend im global gewordenen Kapitalismus, Humanität etc. lebendige
menschl. Verhältnisse, ethische Grundsätze etc. tendenziell nur noch pseudomäßig
existieren, also Fetische sind. Sie können daher nur noch bei Sonntagsreden
oder bei Menschenrechtskriegen, sog. humanitären Interventionen bemüht werden.
Der gefährlichste Terror
geht von den kapitalistischen Verhältnissen selbst und von nirgendwo sonst aus.
Eine wichtige Folgerung
ergibt sich somit:
Wer das Asylrecht, das
diesen Namen auch verdient, wirklich bewahren oder retten will, muss letztlich
den Kapitalismus abschaffen. Dann wird wohl auch das Asylrecht überflüssig,
weil kein mensch mehr Asyl braucht!
Also Antirassismus muss,
wenn er nicht illusionär und unwirksam bleiben soll, auch antikapitalistisch
sein bzw. werden!
Umgekehrt gilt wohl auch:
Antikapitalismus muss auch antirassitisch sein oder werden, sonst ist er
unvollständig, unzureichend.
In diesem Sinne:
Solidarität mit
Flüchtlingen!
Die Abschiebemaschinerie
stoppen!
Lager abschaffen
Bleiberecht für alle!
Kein Mensch ist illegal!