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migration Beilage der Tageszeitung junge Welt vom 21.11.2007
  • S.O.S. vor Europas Küsten
    Auf der Flucht vor Elend und Krieg versuchen immer mehr Menschen, mit seeuntüchtigen Booten nach Spanien, Italien oder Griechenland zu gelangen
    Jörn Boewe
  • Unerklärter Krieg im Mittelmeer
    Mit Sondereinheiten und schnellen Eingreiftruppen will die Europäische Union ihre südliche Seegrenze gegen Flüchtlinge abschotten
    Ulla Jelpke
  • Herat, Leningrad, München
    Afghanische Frauen im Exil: Alltag in Deutschland und Erinnerung an ein Leben vor den Taliban
    Claudia Wangerin
  • In der Warteschleife
    Ein Jahr Bleiberechtsregelung – eine ernüchternde Bilanz
    Dirk Burczyk
  • »Migranten als natürliche Bündnispartner«
    Integrationspolitik der Bundesregierung hat symbolische Bedeutung, aber keinen Gebrauchswert. Ein Gespräch mit Sevim Dagdelen
    Interview: Jörn Boewe
  • Wölfe ohne Schafspelz
    Türkische Rechtsradikale werden seit langem von Unionspolitikern protegiert
    Nick Brauns
  • »Reform des Islam auf die Sprünge helfen«
    Über die seltsame Allianz von türkische Konservativen und deutschen Multikulti-Freunden. Ein Gespräch mit Seyran Ates
    Interview: Anja Hotopp
  • Von der Wolga an die Spree
    Tataren in Deutschland. Kulturelle Selbstbehauptung zwischen russischen und türkischen Migrantenverbänden
    Anja Hotopp
  • »Abschottungsstrategien werden penibel verfeinert«
    Antirassistische Gruppen und Flüchtlingsinitiativen wollen mit einer neuen Kampagne an die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl vor rund 15 Jahren erinnern. Ein Gespräch mit Natascha Funke
    Interview: Andreas Siegmund-Schultze

Übersicht aller Beilagen




migration

Beilage der Tageszeitung junge Welt vom 08.11.2006
  • Zutiefst inegalitäre Gesellschaft
    Die Verweigerung elementarer Rechte für Arbeitsimmigranten sichert Extraprofite für die kapitalistischen Ökonomien der Industriestaaten. Herausforderung für Gewerkschaften und Linke
    Jörn Boewe
  • Griff in die Mottenkiste
    Rückfall in die 50er Jahre: »Gastarbeitermodell« soll wieder aufleben. Gleichzeitig macht die EU die Grenzen noch dichter
    Ulla Jelpke
  • »Ihr kennt uns nicht«
    In den Flüchtlingslagern regt sich Widerstand. Doch wenn sich Asylbewerber selbst organisieren, reagieren Deutsche oft verschnupft – auch die Linken
    Kathrin Hedtke
  • »Die Isolation durchbrochen«
    Streik im Flüchtlingslager Blankenburg ist beendet. Doch der Protest für bessere Lebensbedingungen geht weiter. Ein Gespräch mit Joel Bimba
  • Fremdarbeiter oder Genosse?
    Die Haltung zur Arbeitsmigration spaltet Linke und Arbeiterbewegung bis heute
    Nick Brauns
  • »Wir müssen weg von nationalen Strukturen«
    Der Europäische Verband der Wanderarbeiter kämpft für die Rechte von Arbeitsmigranten. Ein Gespräch mit Matthias Kirchner
  • Der Kampf ums Bleiberecht
    Vor der Innenministerkonferenz Mitte November zeichnet sich nur eine Minilösung ab
    Ulla Jelpke
  • »Migrant zu sein ist eine Lebensweise der Zukunft«
    Bundesinnenminister Schäuble privilegiert islamische gegenüber weltlichen Migrantenvereinen, um »Fremdheit und Andersartigkeit der Ausländer« zu betonen. Ein Gespräch mit Arzu Toker
  • »Es fehlt nur die Initialzündung«
    In Frankreich und Belgien organisieren sich seit Jahren die »Sans Papiers«, Immigranten ohne Papiere. In Deutschland herrscht Ruhe – noch. Ein Gespräch mit Jan Henkel
  • Tschetschenien – war da was?
    Der Konflikt in der Kaukasusrepublik schafft es nicht mehr in die deutschen Medien. Schlechte Zeiten für Kriegsflüchtlinge
    Sebastian Ludwig

Keine Papiere - keine Rechte PAPIERLOSE

Eine Studie über Menschen ohne Aufenthaltsstatus in Hamburg fällt ein vernichtendes Urteil: Obwohl sie nahezu überall arbeiten, führen sie ein Schattendasein

AUS HAMBURG KAI VON APPEN

"Wenn ich mich nicht auf dem Schulweg alle zehn Minuten melde, ruft meine Mutter in Panik an", sagt Lena Kowka*. Die 13-Jährige geht seit sechs Wochen in Hamburg auf ein Gymnasium. "Ich habe Angst, dass irgendwann doch die Polizei da ist", sagt Mutter Elena. Die 41-Jährige ist im Sommer mit Lena und ihrem 16-jährigen Sohn aus einem westeuropäischen Nachbarland in die Elbmetropole gekommen, um den Kindern eine gute Schulbildung zu garantieren. Obwohl Elena mit einem Deutschen verheiratet ist, gilt sie als Papierlose ohne geregelten Aufenthaltsstatuts. Ihre Ehe wurde als "Scheinehe" deklassifiziert.

Elena Kowka ist eine von schätzungsweise 22.000 Menschen ohne Papiere in Hamburg. Die Mehrheit ist im erwerbsfähigen Alter, 30 Prozent sind Jugendliche und 8 Prozent im schulpflichtigen Alter. Diese Zahlen nennt die Studie "Lebenssituation von Menschen ohne gültigen Aufenthaltspapiere in Hamburg" des Diakonischen Werks, die in Kooperation mit der Nordelbischen Kirche und der Gewerkschaft Ver.di erstellt worden ist und am Montag der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Obwohl Menschen ohne Aufenthaltsstatus in nahezu allen Wirtschaftsbranchen arbeiten, führten sie ein Schattendasein, heißt es darin. Ihnen würden viele Grundrechte und Mindestnormen bei Gesundheitsversorgung oder im Bildungswesen vorenthalten. Zudem seien sie oft Opfer von Mietwucher oder ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, beklagt Landespastorin Annegrethe Stoltenberg.

Auch Elena Kowka, die in einer völlig überteuerten Wohnung leben muss, ist es nur mithilfe einer Beratungsstelle, Ver.di und einem Anwalt gelungen, adäquate Schulplätze für ihre Kinder zu finden. "Es ist uns geholfen worden, dass ich nicht auf eine schlechte Schule muss", berichtet Lena Kowka. Ihrem Bruder hingegen wurde am zweiten Schultag auf dem Nachhauseweg von Jugendlichen drei Zähne ausgeschlagen. "Der Junge wehrte sich nicht, hatte Angst vor der Polizei und dass seine Statuslosigkeit bekannt wird", erzählt Elena Kowka. "Wir haben überall Angst vor Kontrollen." Das Leben sei "fürchterlich stressig". Immerhin hätten sich Lena und ihr Bruder in der Schule eingelebt, würden gute Noten schreiben und hätten soziale Kontakte aufgebaut.

Laut der Studie stammen die meisten Papierlosen in Hamburg aus Lateinamerika, Westafrika und dem osteuropäischen Raum. Unerwartet hoch ist auch die Anzahl aus dem asiatischen Raum - darunter Indien. Die Studie moniert, dass das Zentrale Schülerregister, durch das in Hamburg verwahrloste Kinder aufgespürt werden sollen, noch immer Eltern ohne Papiere davor abschreckt, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Dabei hatte Bildungssenatorin Christa Goetsch (Grüne) in einem Brief an die Schulleitungen im Juni 2009 klargestellt, dass das Hamburger Schulgesetz Schulpflicht, Schulrecht und Einschulung an den Wohnort knüpfe und nicht an den Aufenthaltsstatuts. "Es wäre fatal, wenn wir diese Kinder zurückweisen, nur weil eine amtliche Bestätigung über den Wohnsitz fehlt", schrieb die Grünen-Senatorin.

Ein vernichtendes Urteil fällt die Studie über die frühkindliche Erziehung. Obwohl Sozial- und Gesundheitssenator Dietrich Wersich (CDU) in Broschüren die Kinderbetreuung in den ersten Lebensjahren als Grundlage für "gute Bildung und starke Charaktere" als eine "Herzensangelegenheit" preist, sei im Gegensatz zum Schulbesuch die Unterbringung in einer Kita unmöglich. Denn Eltern ohne Papiere erhalten keine Kita-Gutscheine. Damit würde den Sprösslingen die Möglichkeit genommen, frühzeitig Deutsch zu lernen, kritisiert die Sozialwissenschaftlerin Emilija Mitrovic, die an der Studie beteiligt war. Wenn die Kinder nicht vorher schon den Bildungszugang haben, nütze die Schulpflicht nur wenig, so die Sozialwissenschaftlerin.

* Namen geändert

TAZ.DE 26.10.2009

http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/



 

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