Hunger Den Hunger zu stillen war das größte Verlangen in meiner Kindheit Einmal, den Mann im Auge, der den Mühlstein schärfte mit dem Zweispitz griff ich in den Doppelzentnersack, spürte das Gemahlene als weiße Sanftheit zwischen den Fingern Oftmals kam ich mit Fliederbeeren, Brennesseln in die Muna*-Baracke; der Hunger ging lang durch mich hindurch ich lebte von alten Vorräten im Körper, vom Geruch angebrannter Mehlsuppe Dann sagten wir Lebewohl Aber ich vergesse nicht die Worte aus Stein im Magen die ihn höhlten Der Hunger hat glühende Augen aber kalte Glieder Sein Hirn mahlt Tag und Nacht Reinhard Bernhof * Munitionslager bei Lübben (Spreewald), diente nach 1945 als Flüchtlingslager. Danach Nationale Volksarmee. Heute Bundeswehr. *** Die deutschen Tugenden "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken" (Paul Celan, Todesfuge) WIR sind die Meister aus Deutschland Das Tor macht den Meister aus Deutschland Die Taktik bringt den Meister aus Deutschland Die Kraft gebiert den Meister aus Deutschland Die Tugend erschafft den Meister aus Deutschland WIR sind die Meister heute in Deutschland WIR sind die Meister morgen der ganzen Welt WIR müssen siegen denn Meistersein heißt Held sein und Geld haben WIR sind die Geldmeister aus Deutschland für die Welt Der Meister ist ein Tor aus Deutschland Deutschland ist Meister im Torsein Im Tor ist der Meister ein Deutscher Dichthalten hinten Dichthalten in Deutschland für Deutschland Macht dicht die Tor Das Türchen macht weit Aber Deutschland ist doch kein Adventskalender Also Tor dicht Meister deutsch Der Tor aus Deutschland hält dicht Und wir trinken Karl-Heinz Schreiber *** WOHIN? Du fällst. Suchst dich festzuhalten An einem Regentropfen. Einem silbernen Lachen. Dem Duft einer Rose. Du fällst. Fällst und fragst: Wohin? Gerhard List *** Das Gute dir zu wünschen ist mein Glaube, um dankbar erfahren zu können die Welt, welche erst als Licht zu sich nur zu einer Welt des Lichts werde im Lichte der ewigen Taghelle. So atme ein und hauche aus die noch unbewanderten Äther und Düfte wenig beschrittener Gärten, zu denen du niemals wirklich gelangst, ihre Nähe jedoch du träumend erfühlst. Entfliehen willst du dem Schnittwerk einer auch verwundeten Welt, zählt bereits der Kriege ein schon unbekanntes Maß und geschunden zeigt sich der Mensch in seinem Bilde. Erhöre jetzt die vielfachen Klagen aus dunkler Tiefe und weise mutig nun den Schritt nach vorn ins Licht, der Tage. Erich Czernoch *** Willkommen und Abschied Es sprach mein Herz: Geschwind zum Pärde! Es war getan fast eh’ gedacht; Die Tische trug die Kaufhauserde Mit ihrer edlen Waren Pracht. Stramm stand, ein jeder eine Eiche, Verkäufer um Verkäufer da, Und auf das Angebot, das reiche, Mein Augpaar voll Erstaunen sah. Das Licht beschien die Güterhügel, Und hinter einem kam hervor Rasch einer so, als hätt’ er Flügel, Und auf mich zu - was hat er vor?! Mir war die Sache nicht geheuer, Doch frisch und fröhlich war mein Mut, Denn in den Augen hatt’ er Feuer Und drin in seinem Herzen Glut! Ich sah ihn an und Einkaufsfreude Floß von dem Flammenblick auf mich. Ganz war er nun an meiner Seite Und seinen Atem spürte ich. Ein marketing-verklärtes Wetter Umgab sein strahlendes Gesicht, Und zärtlich bot er mir – ihr Götter! An Waren, die verdient’ ich nicht! Doch ach, schon mit der Mittagssonne Verengte Abschied mir das Herz: Vorüber war die Einkaufswonne, Und der Verkäufer litt viel Schmerz. Ich ging, er stand und sah zur Erden, Verbarg den umsatzfrohen Blick: Und doch, welch Glück, bedient zu werden! Und kaufen, Götter, welch ein Glück! Gottfried Weger Aus: »Hau’n wir der BRD... – High-made-Gedichte« 1994 *** Aloys, der Pausen-Schreck Macht der Bonifatius mit den KeltenGöttern Schluss lässt alle Sachsen daran glauben mit Kreuz und Schwert und Daumenschrauben was kriegt bei uns ein Kreuzugsführer? die Totenmesse Opfer-schrein und obendrein den Heilgenschein ein Massenmörder wird Märthyrer und Vorbild für die nächsten Führer (die Sachsen aber rächten sich heut nehm' sie ihn als Brotaufstrich zum Abendmahle wird er mitten zum Verzehre durchgeschnitten, wenn dann zur Rechten, wie zur Linken die Bonfaz-Hälften niedersinken sollt man dazu nen Roten trinken) doch zündt uns Mal ein Taliban eine BaptistenKirche an schießt erst auf Stalin, dann auf Bhuddah auf Karsai-Boss-Armani-Puppen auf UnoKreuzSternpanzerschuppen auf Benedikt und Ratzifix auf Patriarch und Martin Luther dann kriegt der nix? Kein Jubeljahr, kein Heilgenschein ? Wir heizen ihm die Höhlen ein und singen wieder KreuzzugsLeader hinter unserm Rattenfüher War Horst Wessel ein Märthyrer? Jetzt zünden wir dem Taliban seine letzte Höhle an Afghanistan, Irak, Iran, ganz im Ernst, des iss kein Jux wir wecken mit den Mini-Nukes die letzten Schläfer aus dem Schlaf Hellau, Deffdäh, Kölle Allaaf Hartmut Barth-Engelbart *** Ankomme vorgestern. Fort nach Vancouver sind mit dir die Geister, die alle Winkel des Hauses füllten. Seitdem starren die Wände mich an. Selbst die Bilder vermögen nicht die Starre zu brechen. Noch der Tropfen vom beschädigten Hahn mit seiner Monotonie den anderen den Einton zu rauben. Weil du weg bist. Ganz einfach deshalb. Die rechten Winkel der Räume leben sich aus. Wo ist die Schwarzdrossel am Nußbaum, wo der Maulwurf? Wenn der Rasenmäher nicht wäre, vermißte ich noch mehr deinen inständigen Ratschlag. Elftes, zwölftes Gebot. Dennoch bleibt mir die Weisung, Richtschnur wie der Koran, dessen Suren zieren die Zettel auf den Decken der verlassenen Betten, in den Fluren des verödeten Hauses. Golden ein Lichtblick die Sichel des Mondes hinter der dunkelnden Birke des Nachbarn. Zeichen, wann holt er dich ein? Tröstlich. Weil die Wege stets rund sind, kehrt man meist heim, wenn die Betten noch warm sind. Jaime Salas *** Pappnasen Und sie ziehen sich rote Pappnasen auf damit sie einmal im Jahr sind wer sie nie sein werden Und sie benehmen sich wie die Wilden so wie sie dies das übrige Jahr ohne Pappnasen nie tun würden Und sie trinken diese Tage noch viel mehr als sonst im Jahr da keiner sie mit ihren Pappnasen erkennt Und wenn diese Tage vorüber sind nehmen sie die roten Pappnasen ab damit der Spiegel am folgenden Morgen den Niemand von vorher wiedererkennt Georg Walz *** Unter diesem Sternenhimmel Ganz jung und unverdorben Kam sie von weitem her, offenen Herzens mit reiner Seele, nichts war für sie so schwer. Sie scheute nicht sich einzusetzen Für Menschen aller Rassen In weiter Feme verblieb ihre Heimat, sie hat es längst verlassen. Nun, unter diesem Sternenhimmel Kann ihr vieles gelingen, sie hat sich damals vorgenommen hier ein kleines Licht zu bringen. Dragica Schröder *** Der alte Affe I believe I‘ve found the Missing Link between animals and civilized men. It ist us. (Konrad Lorenz) Nachmachen nachmachen – der Fels rollt vom Berg splittert den Ast nachmachen nachmachen – doch es bleibt der Affe inhaltslos formal gebunden an sein Rudel, es kaut der eine da dem andern vor – die Banane, eh der sie schlingt, schlägt auf die Brust sich, ach – macht sich breit in dieser Sach: I believe I‘ve found Der Affe, er hält sich für genial und bläst sich auf, stolziert daher als wär er irgendwer, doch stets hinkt er dem Geschehen hinterher. Es äfft die Äffin Männchen nach jagt nun selber linkisch Weibchen, wenig nützt da der Lehrgang für Ausdruck und Aufrechten Gang zur Präsentation der Führernatur: the Missing Link between Es denkt das Missing Link als Mensch sich über die Natur, doch bleibt im Kopieren ein Untier nur. Neid frisst Löcher ihm ins Gebein und zwingt ihn an die Krücken, der Mensch bleibt eine Utopie. Es geht nur mit Vernunft; dies Missverständnis die Missmen gebar. Experiment geglückt. Affe tot? Animal men and civilized Es ändern sich die Waffengattung und das Begattungsritual – nun Mann gegen Mann zu Bette geht, so wie er um sich selbst sich dreht. Nachaffe – mit schwerem Gerät, mit wahnen Gedanken, er kennt kein Halten, er kennt kein Wanken, Ungenehm hinwegfegt von Erden; möge so Frieden werden. It ist us. C. M. Meier *** GÖÖGLMÖÖSCH & = III 11 Der alte jauchenamor ging mit der wollte zu Hüllermeinern Der hüpfte sich um den hydranten rum warm quarrend und warzenbeinern Ab und zu schnellt’ ihm die zunge heraus: Was du getan hast ist schrecklich und fragte ihn Don nach der Lethemission dann spielte er Feiglingversteckdich 12 Lütt Muddn de snieder schlug ne taz 7 schmeißfliegen übers genacke die gab er dann MI die zu spät merkte die war tomseits voll hundekacke Don Otto wurde es dermaßen schlecht er reiherte über die selten Die Ähricha stopfte sich alles inn sack Ach scheißelos schreckliche zeiten! 13 Dat MI riß dem Ährzchen die handtasche weg Mann ottes die leckt dir den speichel ! Der Pullermatt dazu: Wenn eineR dir den Speichel leckt lock mit der eichel ! So schlurfte die Ärga hinter uns her dann fiel sie aus pud’ und perücke verschwand mit 2 bluthunden Oberum fand ihre kate: Delzedocs tücke 14 Umpf jaulte Ich haute ihm übern deez ne Wernesgrüner pulle Im winkel fraß Ham Old den pilz von der wand krakeelte und flog wie ‘n bulle Pull wieder: Als St Oltus starb verbannt’ er mich 3 x gen Bayern Ich bin gebrettert! und schickt mich nicht mehr in die Schweiz zum Thespisleiern 15 A sagte: Denen war sie zu scheen B fügte hinzu; zu deenbar Um die ecke - da wollten wir aber nicht hin – lag Cs cousin seine Jan Steen bar Da kam auf einmal die kleine raus dem alten Tussäng sein Thresken Er schmiß sie sie spuckt’ ihm aufs cabrio Ich hau dir dein lecker meesken ToussainT *** träume der haardt in den weinbehangenen hügeln die hohen frequenzen im mittag ein flötenton d auf dem stein mit der echse und einmal vielleicht die beeren singen die sinne in berauschendem dur. ach träume. die schwarzen die schwärenden träume der angst vor den worten am tag. gestern gesäuberte wand. ausländer raus. krähen picken staccato die beeren zerrissen ein herz in erinnern. *** ihr schwarzen augen grabt euren glanz und eure würde in die eigene erde unter der eigenen sonne es duften über uns die linden ihr schwarzen augen weint nach innen Ingrid van Biesen *** der wasserhahn wecker tickt draußen wird es allmählich hell und die nacht weicht einem undurchdringlichen grau in die stille tönt das monotone ticken des weckers zeit verrinnt unwiderruflich der wasserhahn beginnt unregelmäßig zu tropfen Artur Nickel *** olympiade wort los ausrufezeichen drei, zwei, null. ein start piep fällt nicht auf fehlstart das rennen beginnt trotzdem plan los! auf planiertem hauptsache schneller hauptsache erster die stoppuhr steht wir sehen´s nicht: schweiß in den augen brennt. schnurrend säuselt der colaautomat Anna Panek *** Getto-gerechtes Manifest I Bleischwere belagert die Nacht Wenn in Alleen der Allemannen-Kapitale das Rostbraun im Brand erwacht durchs Blond und Blau kein Durchgang für Knospenknalls Vorboten im Klassenklang Keine Morgenflucht aus dem Moor der Toten kein heller Sproß unterm Hesperos seit dem Tribunal-Tod Slobos der Exekution ohne Urteil im Heller Kein kühner Kämpfer mehr auf rosarotem Roß Er gehörte vielleicht nicht zu den Hünen des Kosmos auch nicht zum mondgelben Heroen-Heer im Morgenschein aber auch nimmer zu den feilen Flüchtigen Wird sicher nicht der höchste Fang der Furie sein und das letzte Opfer der Rittertortur hinterm Inquisitionswall der Mordsüchtigen in Richter-Montur Hielt ungebrochen stand vor dem schäbigen Cäsaren-Pakt der den Bombenhagel über Leben und Land als probates Politikum hinstellt und humanitärer Akt II Von Hyänen und Hurien-Hymnen belagert der Poeten-Port im Proleten-Fort Brandbitter getreten der Tag felsenhart die Fanfaren-Finale Es dämmert über den Dächern von Vororten Dämme halten noch dank der Femme fatale und der expansiven Experten-Ekstase hinter den Exekutionseskorten Auch im Bantustan des Apartheidsapostel umgeben von Urbanen-Uhus umgemodelt in Gettos Gestade der Kannibalen-Quarantäne Wanderparia-Moos Barbaren-Fontäne Tartaros der Desperados Es hagelt durchs Blau der Nacht Wenn in Getto-Gassen und dem Klassen-Humus die Horde der Humanitas erwacht bringen die Herolde barfuß Gedächtnisse auf Touren zum Sturm aufs Ellbogen-Eldorado der Graben-Gladiatoren auf den Hungerturm und die Garbengarden Globulen-Deich durchquerend eilen Getto-Trotter herbei gehen den Heimlichen stolzierend zur Hand als Bannbrecher durch Steppenbrand den Absatzstaub der Get-together-Gendarmerie das Abtrünnigen-Nest im Querulanten-Quartier und Refugium der Peripherie Geben Grenzsturm-Guerilleros Geleit sinkt der Morgen steil im Tränental der Getretenen und im Getreuenleid Marschieren Musketiere der Mäuse-Monarchie Getto-Gesänge in Getöse zu stürzen in gebräuchlich gebotene Anarchie Memorieren Hausnarren den Husarenritt hinterher das Laien-Los und den Magnaten-Mythos Avanciert der Anonym des Souveräns zum Synonym der Sich-Erhebenden hält den Faden der Kabale in den Händen zwischen Höllenlärm der Berufsbastarden und dem Boomtown der Bravo-Barden Mit geselligem Gewieher und Gestichel ans Gegenufer der Morgensichel liefern Larifari-Legionen Ellbogen-Elogen auf Feigenblatt-Falter und Hurra-Huren-Verwalter Es wird bergschwere Beschwerden geben und Heimleuchte und Argumenten-Armut und die Exposition mit ausgebuchtem Anmut auf der Flöhen-Flotte Es wird Weiten geben in den Geschichten der Gegenwart und das Getto-Leben im Kosmopolitanen-Epos und Sonnensturm-Slobos entfachen in Empörer-Echos Trotztulpen werden blühen im Tränental auch Hochebenen-Holder im Polder am Denkmal der Ungebrochenen M. Kurtulus |