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Lesung mit Semra IdicSemra Idic "Wenn nicht sogar sehr" Semra Idic Buch "Wenn nicht sogar sehr" von Semra Idic
DER AKTUELLE TIPP: Buch "Wenn nicht sogar sehr" von Semra Idic
Das
Buch von Semra Idic erzählt die Geschichte der verhinderten Abschiebung
ihrer Familie aus Düsseldorf. Die 19-Jährige kämpfte jahrelang gegen
die Übersiedlung ihrer Familie in ein Elendsdorf nach Serbien - und
macht damit zugleich auf das Schicksal von über 200.000 anderen
Menschen in Deutschland aufmerksam, die von einer Duldung zur nächsten
leben. Immer die Angst im Nacken, aus jenem Land, das ihre Heimat ist,
brutal vertrieben zu werden. Doch alleine hätte Semra es nicht
geschafft.
Ihr schonungsloser Bericht "Wenn nicht sogar
sehr", der auch mit Kritik an Autoritäten nicht spart, erzählt von
einem großen, behördlich zugefügten Trauma, ertragen über einen langen
Zeitraum, aber auch von der Kraft der Solidarität. Am Ende bleibt die
Hoffnung, dass ihr trotz aller Proteste abgeschobene Vater seine
Liebsten eines Tages wieder in die Arme nehmen kann. Nach Jahren des
Lebens in einem Halbuntergrund, z.B. im Kirchenasyl, leben heute
wenigstens Merima (16), Vesna (14), Edijan (8) und Semra "legal" in
Deutschland.
Campino hat Semra Ende 2006 in Düsseldorf
kennen gelernt. Wir alle waren schockiert vom Schicksal der Familie.
Dass Kinder, die in Deutschland aufgewachsen sind und überhaupt nie in
Serbien gelebt haben, abgeschoben werden sollten - in ein Land, in dem
sie überhaupt keinen Menschen kennen. Was die Behörden anzettelten, war
unmenschlich, pervers und unflexibel. Wir waren und sind der Meinung:
Das kann nicht das Rechtsempfinden unseres Landes sein!
"Mein Buch soll dazu beitragen, unseren vor drei Jahren abgeschobenen Papa zurückzubringen." (Semra Idic)
Das Buch könnt Ihr im "fiftyfifty"-Shop bestellen:
http://www.fiftyfifty-galerie.de (auf "SHOP" klicken)
Der Reinerlös geht an die "Stay! Flüchtlingsinitiative":
http://www.stay-duesseldorf.de/
Rolf Gössner: Menschenrechte in Zeiten des Terrors – Kolalateralschäden an der „Heimatfront“, Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2007, 288 Seiten In seinem neuen Buch informiert Rolf Gössner zunächst über die gesetzlichen Vorgaben und die modernen Ermittlungsmethoden des Sicherheitsapparats, und er macht die Tendenz zum Überwachungsstaat deutlich. Er benennt die Methoden der Angstmacherei, den »permanenten Ausnahmezustand«, den Generalverdacht, unter den weite Teile der Bevölkerung gestellt werden, und er sensibilisiert für die Willkür, die uns auch mit den Strafvorschriften der Paragraphen 129 und 129a Strafgesetzbuch drohen, wenn ohne konkrete Beweisführung schon die angebliche Mitgliedschaft in »kriminellen« oder »terroristischen« Vereinigungen mit jahrelanger Haft bestraft werden kann. Ausführlich befaßt sich Gössner mit dem Schicksal von Migranten in Zeiten des Terrors und der Stigmatisierung von Anhängern des Islam, als wäre jeder von ihnen ein potentieller Terrorist. Schließlich handelt Gössner den aus den USA kommenden Ruf nach einem »Feindstrafrecht« ab. Hierin erkennt er den Kern des »Paradigmenwechsels im Menschen- und Völkerrechtsdiskurs«. Feindstrafrecht erlaubt dem Staat, Beschuldigten die Inanspruchnahme elementarer Menschen- und Bürgerrechte zu verweigern. I N H A L T Prolog Kollateralschäden an der „Heimatfront“ Paradigmenwechsel im Menschenrechtsdiskurs I. Kapitel PERMANENTER AUSNAHMEZUSTAND „Angst ist das Schmieröl der Staatstyrannei“ Von politischer Dramatisierung und unhaltbaren Sicherheitsversprechen „Antiterrorkampf“ auf Kosten der Bürgerrechte Vom liberal-demokratischen Rechtsstaat zum präventiv-autoritären Sicherheitsstaat Entfesselung des Rechtsstaats> Neue Sicherheitsarchitektur für den alltäglichen Ausnahmezustand II. Kapitel ANTITERROR-SPEZIALITÄTEN Misstrauenserklärung an die Bevölkerung Neue Kontrollinfrastruktur: Biometrische Ausweise und Abgleichsverfahren Beschäftigte als potentielle Saboteure Sicherheitsüberprüfungen in “lebens- und verteidigungswichtigen“ Betrieben Vom Ende der Vertraulichkeit Überwachungskosmos der modernen Telekommunikation Terrorist oder Freiheitskämpfer? Wie das Politische Strafrecht auf die Spitze getrieben wird Gläserne Passagiere als Antiterror-Opfer Was der Transfer sensibler Fluggastdaten an US-Sicherheitsbehörden anrichten kann III. Kapitel: MIGRANTEN IN ZEITEN DES TERRORS Unter Generalverdacht Über die diskriminierende Sonderbehandlung von Nichtdeutschen Integrationsdialog als Frühwarnsystem? Islamismusdebatte, Sicherheitsdialoge und Kopftuchverbot als Antiterrormaßnahmen Schuldvermutung per Computerausdruck Ausufernde Rasterfahndungen nach „islamistischen Schläfern“ Gesinnungstest für Muslime Diskriminierende Einbürgerungspraxis als Schutz vor „Islamisierung“? „Abschiebungsreife auf Vorrat“ Asylwiderruf als Antiterrormaßnahme Existenzvernichtung per Willkürakt EU-Terrorliste ohne demokratische Legitimation und Rechtsschutz IV. Kapitel: Exkurs BÜRGERRECHTE IN ZEITEN DES RECHTEN TERRORS Zwischen Nachsicht und Härte Staatlicher Umgang mit Neonazismus und rechtem Terror V. Kapitel PARADIGMENWECHSEL IM MENSCHEN- UND VÖLKERRECHTSDISKURS Gegenterror oder Humanitäre Intervention? Menschenrechtsfreie Räume, Rettungsfolter und Präventivkriege Auch Antiterror-Kriege sind Terror
Bundeswehr im weltweiten Kriegseinsatz Literatur Auswahl an Literatur zum Thema Festung Europa bei german foreign policy
Asyl- und Ausländerrecht
Jahresbericht 2006 [Informationen auf Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch und Arabisch] Asyl- und Ausländerrecht Making migration illegal - Self-organization and support projects in Europe englische Fassung des Buches "Ohne Papiere in Europa" Broschüre, 96 S., April 2000 Inhalt: der vollständige Text ist hier veröffentlicht Papierausgabe vergriffen TaschenbücherBennhold, Martin: Was heißt "Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln?" Bundeskongress der VVN-BdA, Braunschweig 1996 RassismusHund, Wulf D.: Rassismus: Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit Münster 1999 diskutiert die historische Entwicklung zentraler Stereotype rassistischen Denkens und analysiert deren ideologische Hintergründe. Ergebnis: Rassen entspringen nicht der Natur, sondern sind gesellschaftliche Konstruktionen. Memmi, Albert: Rassismus Frankfurt 1987 eine kurze Einführung in das Thema Burgmer, Christoph (Herausgeber): Rassismus in der Diskussion Berlin 1999 Gespräche mit weltweit führenden Wissenschaftlern und Schriftstellern Bartholl, Silvia: Texte dagegen: Autorinnen und Autoren schreiben gegen Fremdenhass und Rassismus Weinheim 1993 Die Sammlung von rund 70 Texten "dagegen" - vorwiegend Geschichten und Gedichte - ist der Versuch einer Antwort auf den Fremdenhass und Rassismus in unserem Land. Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit... Marai (Hg.): Grundrechtereport 1998. Zur Lage der Bürger- und Menschenrechte in Deutschland, Reinbek. ZAK Tübingen (1997): Rechtlos auf Arbeit. ... mit weiterer literaturliste nach themen
Reader, Dokus, Texte
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| 05.09.2008 Blick zurück nach vorn Niels Seibert rückt »Vergessene Proteste« der Linken ins Licht
Von Tom Strohschneider
Immer wieder ist in den vergangenen Jahren die Geschichtslosigkeit der radikalen Linken beklagt worden. Mit einem Band über »Vergessene Proteste« der internationalistischen und antirassistischen Szene hat jetzt Niels Seibert eine der Lücken linker Bewegungsgeschichte geschlossen. An die Frankfurter Paulskirche war an jenem 22. September 1968 kein Herankommen. 800 Polizisten hatten den Vorplatz besetzt, die Gegend war weiträumig abgesperrt. An einen ruhigen Verlauf der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels war nicht zu denken. Etwa 2000 Demonstranten waren zum Römerberg gekommen, um gegen die Ehrung von Léopold Senghor zu protestieren. Der senegalesische Dichter und Staatschef galt der Studentenbewegung als »philosophierende Charaktermaske des französischen Imperialismus, der mit Goethe im Kopf und dem Maschinengewehr in der Hand die ausgebeuteten Massen seines Volkes unterdrückt«. Als die Demonstranten die Absperrgitter überwinden wollten, schlug die Polizei zu. Sieben Stunden dauerten die Auseinandersetzungen, etliche Kritiker wurden verletzt oder verhaftet. Sogar die gerade stattfindende Buchmesse riegelten die brutal auftretenden Beamten ab. In einem beachtenswerten Band hat jetzt Niels Seibert nicht nur diesen Teil linker Bewegungsgeschichte aufgearbeitet. Entlang von Beispielen wie dem Tschombé-Besuch 1964, dem Sturz der Wissmann-Statue 1967 und dem staatlich betriebenen Selbstmord Cemal Altuns 1983 verfolgt der in Berlin lebende Autor die Entwicklung der internationalistischen und antirassistischen Szene von der Mitte der 60er bis zum Beginn der 80er Jahre. Marken auf diesem Weg bildeten stets Kampagnen und Proteste, deren Formen sich über die Zeit kaum gewandelt haben. Wohl aber die Schwerpunkte. Rassismus wurde zunächst vor allem als Nebenwiderspruch im Kapitalismus verstanden, als »Herrschaftsinstrument zur Spaltung der Arbeiterklasse«, dem am ehesten mit der Revolution beizukommen sei. Später gelangten Theorien wie die angelsächsischen Postcolonial Studies nach Deutschland und schärften das Bewusstsein für einen eigenständigen antirassistischen Kampf. Indem der Fokus zunehmend auf die Forderung nach einem Recht auf Migration vom Trikont in die westlichen Metropolen gelenkt wurde, traten zudem »humanistisch motivierte, karitative und sozialarbeiterische Ansätze wie Flüchtlingsberatung und Einzelfallhilfe« in den Vordergrund. Als vor ein paar Tagen bundesweit einige Tausend Menschen beim »Aktionstag ohne Abschiebungen« Haftanstalten und Ausländerbehörden blockierten, stand die Geschichte der antirassistischen Bewegung ganz sicher nicht im Zentrum. Ohne eine Selbstverständigung über die eigene Vergangenheit stünden allerdings die Protestierenden von heute ohne Fundament da. Immer wieder ist eine linke Geschichtsvergessenheit beklagt worden, deren Gründe auf einem weiten Feld zwischen Mangelökonomie und Desinteresse liegen. Wo die eigenständige historiografische Auseinandersetzung fehlt, das war eines der Motive der (Selbst-)Kri- tik, gehe auch der Kampf um die Interpretationshoheit über das Vergangene leichter verloren. Gerade im 68er-Jubiläumsjahr ist das augenfällig geworden. Inwieweit »Vergessene Proteste« und eine Reihe vergleichbarer Bücher, die in der letzten Zeit erschienen sind, schon als Beleg für eine Wende zum Besseren genommen werden können, sei dahingestellt. Noch immer besteht das Problem der »unterbrochenen Erzählung«, wenn sich ältere Aktivisten zurückziehen; noch immer ist eine unabhängige kritische Historiografie vor allem die Privatsache einiger weniger. Niels Seibert hat die Proteste und Kampagnen von damals in seinem Vorwort durch den Hinweis geadelt, sie könnten heutigen Aktivisten »immer noch als Lehrstück dienen«. Das sollte natürlich nicht als Aufforderung verstanden werden, sie einfach nur zur Blaupause für heutige Bewegungen zu machen. Eher als ein Angebot, sich beim Vorwärtsgehen durch einen Blick zurück der richtigen Richtung zu vergewissern. Niels Seibert: Vergessene Proteste. Internationalismus und Antirassismus 1964 bis 1983, Unrast Verlag, Münster 2008, 224 Seiten, 13,80 Euro. http://www.neues-deutschland.de/artikel/134992.blick-zurueck-nach-vorn.html
Erfahrungen Geduldeter aus dem Kosovo für deutsch-kosovarisches Buchprojekt gesucht Im Rahmen eines Stipendiums der Robert Bosch Stiftung an einem Theater in Pristina werden Geduldete aus dem Kosovo gesucht, die für ein Buchprojekt von ihren Erfahrungen mit der permanent drohenden Abschiebung berichten möchten. Ansprechpartner für das Buchprojekt ist Timon Perabo (Email: tperabo@gmail.com). Er schreibt in seinem Aufruf: „Eines unserer wichtigsten Projekte ist ein Buch über Kosovaren, die nach Deutschland migriert sind und teilweise wieder in den Kosovo zurückgekehrt sind. Dieses Buch schreibe ich gemeinsam mit zwei Kosovoalbanern. 15 Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen werden in diesem Buch portraitiert, Albaner, Roma, Ashkali und Ägypter. Das Buch soll einen Überblick geben über unterschiedliche Erfahrungen, die Kosovaren als Gastarbeiter, Flüchtlinge und Studenten in Deutschland gemacht haben. Uns ist es besonders wichtig, dass auch die Menschen ihre Geschichte erzählen, denen in Deutschland die Abschiebung droht, die mit der Angst davor leben und vielleicht schon seit längerem dagegen ankämpfen. Solche Geschichten müssen unbedingt auch in das Buch, weil sie sehr viel mit Deutschland/aktueller deutscher Politik zu tun haben und das Buch auch in Deutschland veröffentlicht werden soll. Leider fehlen uns bisher Personen, die mit dieser Erfahrung konfrontiert sind.“ Das Exposé zu dem Projekt erhalten sie auf unserer Homepage unter Aktionen oder über die Geschäftsstelle. Sozialleistungen für MigrantInnen und Flüchtlinge Handbuch für die Praxis Von unserem Kollegen Georg Classen vom Flüchtlingsrat Berlin ist das neue Handbuch zum Sozialrecht für Flüchtlinge und MigrantInnen erschienen. Das Handbuch erläutert mit Blick auf die Beratungs- und Alltagspraxis das Zuwanderungsgesetz, weitere gesetzliche Neuregelungen, den Zugang zu Beschäftigungserlaubnis und Eingliederungsleistungen, medizinische Versorgung und vieles mehr auf hohem juristischem Niveau. Ein „Muss” für alle, die in diesem Bereich arbeiten und sich engagieren. Die Buchvorstellung des Verlages von Loeper Literaturverlag: Georg Classen: Sozialleistungen für MigrantInnen und Flüchtlinge Handbuch für die Praxis Das Zuwanderungsgesetz hat zu wesentlichen aufenthalts- und sozialrechtlichen Änderungen geführt. 2005 traten zudem die Grundsicherung für Arbeitsuchende nach dem SGB II (Hartz IV) sowie das neue Sozialhilferecht nach dem SGB XII in Kraft. Die Ansprüche von MigrantInnen auf Sozialleistungen wurden seitdem durch zahlreiche Änderungsgesetze modifiziert. Genannt seien nur die Einschränkung des Arbeitslosengeld II-Anspruchs für Unionsbürger, die - verfassungsrechtlich umstrittene - Neuregelung der Familienleistungen für MigrantInnen, die sozial- und aufenthaltsrechtlichen Änderungen durch das EU-Richtlinienumsetzungsgesetz vom August 2007 sowie die seit Januar 2008 geltende Neuregelung der Ausbildungsförderung für MigrantInnen. Georg Classen hat sich langjährig mit dem Zusammenhang von Aufenthaltsrecht und Sozialleistungen befasst. Das vorliegende Handbuch erläutert das gesamte Sozialrecht differenziert nach dem jeweiligen Aufenthaltsstatus. Dargestellt werden die Ansprüche von MigrantInnen auf Leistungen zum Lebensunterhalt nach dem SGB II, dem SGB XII und dem Asylbewerberleistungsgesetz einschließlich der Sozial(hilfe)leistungen zur medizinischen Versorgung. Der Zugang zu Beschäftigungserlaubnis und selbstständiger Erwerbstätigkeit wird ebenso aufgezeigt wie die Ansprüche auf Ausbildungs- und Arbeitsförderung, Kranken-, Pflege-, Renten- und Unfallversicherung, Integrationskurse, Kinderzuschlag, Kinder- und Elterngeld, Unterhaltsvorschuss, Kinder- und Jugendhilfe, Leistungen für MigrantInnen mit Behinderung, Wohngeld und Wohnberechtigungsschein sowie weitere für MigrantInnen relevante Sozialleistungen. Dargestellt wird auch der Zusammenhang zwischen Aufenthaltsrecht und eigenständiger Lebensunterhaltssicherung. Classen erläutert die Rechtslage verständlich und kompetent. Er liefert Praxisbeispiele, Argumentationshilfen und Musteranträge und erklärt die Möglichkeiten zur Rechtsdurchsetzung. Zahlreiche mit Internetfundstellen versehene Hinweise auf Rechtsprechung und Literatur ergänzen das Handbuch und machen es für die Migrationsberatung, für AnwältInnen und RechtsanwenderInnen, aber auch für Wissenschaft und Forschung zum unentbehrlichen Hilfsmittel und Nachschlagewerk. Das Handbuch hat 304 Seiten und kostet 14,90 Euro. ISBN 978-3-86059-416-2 Folgende Neuerscheinung ausgeliefert:
Justin Akers Chacón / Mike Davis: Crossing the Border Migration und Klassenkampf in der US-amerikanischen Geschichte Aus dem Englischen von Matthias Becker und Hanna Schröder ISBN 978-3-935936-59-0, 340 Seiten, 20.00 €, 33.90 sF
http://www.assoziation-a.de/neu/Crossing_the_Border.htm
Rezensionsexemplare können bestellt werden unter:
assoziationa@freenet.de
Zum Inhalt: Justin Akers Chacón und Mike Davis analysieren in dieser gemeinsamen Arbeit die Geschichte der Einwanderung in die USA vom Eisenbahnstreik chinesischer Arbeiter im Jahr 1877 über die Aktivitäten der militanten Industrial Workers of the World (IWW) im frühen 20. Jahrhundert bis zu den Streiks und Aktionen im Rahmen der „Justice for Janitors“-Kampagnen der lateinamerikanischen MigrantInnen des Jahres 2006. Im ersten Teil des Buches lässt Mike Davis die Ankunft verschiedener Gruppen von MigrantInnen seit Mitte des 19. Jahrhunderts Revue passieren und beschreibt die Migration als Geschichte von Klassenauseinandersetzungen, rassistischer Gewalt und migrantischer Selbstbehauptung. Davis versteht die institutionalisierten privaten Gewaltformationen als besonderes Merkmal der US-Gesellschaft: von den Pinkertons über den Ku Klux Klan bis zu den heute an der Grenze patrouillierenden bewaffneten Bürgerwehren. Akers Chacón untersucht im zweiten Teil die lateinamerikanische Migration und beschreibt die mexikanischen ArbeiterInnen als die „andere“ Arbeiterklasse der USA. Er findet die Ursachen der trotz martialisch aufgerüsteter Grenzanlagen unaufhaltsam ansteigenden Migration u.a. in den Handelsabkommen der WTO, der NAFTA, der neoliberalen Politik Mexikos und den globalen Ausbeutungsverhältnissen, die sich in der Deindustrialisierung des Subkontinents, der Zerstörung der ländlichen Produktionsverhältnisse sowie der „Weltmarktfabrikisierung“ der Ökonomie zeigen. Sein zentrales Interesse gilt den Kämpfen der MigrantInnen, ihrem Verhältnis zu anderen Segmenten der US-amerikanischen Arbeiterklasse und den Möglichkeiten eines grenzüberschreitenden Kampfzusammenhangs. Das Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine internationale Organisierung von unten und die Abschaffung aller Grenzen. „Mike Davis und Justin Akers Chacón erzählen uns die wahre Geschichte der heldenhaften MigrationsarbeiterInnen“ (Nativo V. Lopez, Mexican American Political Association).
18.05.07 | Rezension Nicht immun gegen Rassismus Analyse rechter Deutungsmuster bei den Gewerkschaften Von Peter Nowak Gewerkschaften in Deutschland gelten als Stütze im Kampf gegen den Rechtsextremismus. Deshalb war bei aktiven Gewerkschaftern das Entsetzen über das Ergebnis einer Studie groß, in der festgestellt wurde, dass eine Gewerkschaftsmitgliedschaft keineswegs immun gegen rechte Propaganda macht. Jetzt haben vier an der Studie beteiligte Politikwissenschafter und ein Gewerkschaftsaktivist in einem Buch, dem weite Verbreitung zu wünschen ist, die Studie jenseits von medialer Aufgeregtheit analysiert und Gegenkonzepte vorgestellt. Die Autoren sehen in der schwindenden Deutungsmacht der Gewerkschaften den Grund für die Anfälligkeit für rechte Deutungsmuster. So sind auch bei vielen Gewerkschaftsmitgliedern nicht differenzierte Analysen, sondern die populistischen Parolen der Boulevardmedien verbreitet. Schnell kann dann aus der gewerkschaftlichen Forderung nach dem Recht auf Arbeit das rassistische Statement »Arbeit zuerst für Deutsche« werden. Die Autoren warnen vor den Gefahren, wenn sich gewerkschaftliche Sprecher und Medien strukturell rechter Populismen bedienen. Als negative Beispiele werden Äußerungen von Gewerkschaftsaktivisten beim Opelstreik im Jahr 2004 benannt. Da wurden auf Kundgebungen markige Reden über eine Fremdbestimmung des Unternehmens aus den USA geschwungen. Warum wurde nicht an die Tausenden entlassenen Opelarbeiter in den USA erinnert? Auch das viel diskutierte Titelbild der Mitgliedszeitschrift »Metall« aus dem Jahre 2004, auf dem US-Investoren als Heuschrecken mit Amihut dargestellt werden, wird als negatives Beispiel für das Einlassen auf strukturell rechte Erklärungsmuster kritisiert. Demgegenüber setzen die Autoren auf zivilgesellschaftliches Engagement als bestes Gegenmittel gegen rechte Tendenzen. Mit dem Landesfachbereichsleiter des Fachbereichs Handel im ver.di-Landesbezirk Thüringen, Angela Lucifero, wird ein Gewerkschafter interviewt, der wegen seines konsequent antifaschistischen Engagements immer wieder im Visier der Neonazis steht. Manchmal sei die gewerkschaftliche Unterstützung nicht ausreichend gewesen, beklagt Lucifero. Mit Florian Osuch kommt ein Junggewerkschafter zu Wort, der sich in der Antifabewegung engagiert. Beide Aktivitäten gehören für Osuch zusammen: »Man muss sich nicht tief mit dem Phänomen Rassismus und Faschismus beschäftigen, um auf die Wurzeln zu kommen. Diese liegen im auf Ausgrenzung basierenden Kapitalismus.« »Gewerkschaften müssen sich expliziert links positionieren, weil dies letztlich der beste Kampf gegen Rechtsextremismus ist« – diesem Fazit Osuchs ist vorbehaltlos zuzustimmen.
Zeuner, Gester, Fichter, Kreis, Stöss: Gewerkschaften und Rechtsextremismus, (einsprüche Band 19), Verlag Westfälisches Dampfboot, 143 S. 14,90 Euro.
Brinkbäumer, Klaus Der Traum vom Leben
| | Eine afrikanische Odyssee |
| | John Ampans Flucht von Ghana nach Europa, eine Odyssee, die fünf Jahre dauert. Klaus Brinkbäumer hat sich, zusammen mit John Ampan, selbst auf den Weg durch Afrika gemacht. Er berichtet eindrücklich vom Leben und den Träumen der Menschen, die unvorstellbare Gefahren und Strapazen auf sich nehmen, um vielleicht nie das „Paradies“ Europa zu erreichen. Wie verzweifelt müssen Menschen sein, um ihre Heimat, ihre Familien, ihre Kinder zu verlassen? Um sich auf eine Odyssee zu begeben, deren Ausgang ungewiss ist? Um sich, wenn sie tatsächlich das kalte, unwirtliche Europa erreichen, als so genannte illegale Einwanderer verstecken zu müssen oder als Zwangsprostituierte ausgebeutet zu werden? Klaus Brinkbäumer ist auf der zentralen Route der Flüchtlinge quer durch sieben afrikanische Staaten gereist. Er erzählt die Geschichte seines Begleiters John Ampan aus Ghana, der damals fünf Jahre bis Europa brauchte, weil er deportiert, in der Wüste ausgesetzt und ins Gefängnis gesteckt wurde; er erzählt von Jane Aimufua aus Benin-City, die ihre drei Kinder zurückließ, um in Europa Geld für sie zu verdienen; und er erzählt von all den Menschen, denen er unterwegs begegnet ist, auf den Lastwagen, in der Sahara und in den Bergen, in den Kellern von Agadez, in den Gassen von Tanger. Der Traum vom Leben ist ein Buch über Afrika, über die unbeugsame Hoffnungen von Menschen, ein Buch auch über Europa und die Realität unserer Politik. | Büchergilde Gutenberg Nr 15744-6 dazu ein Gespräch mit John Ampan und Klaus Brinkbäumer über die Odysee afrikanischer Flüchtlinge nach Europa
"...wenn man die Ursachen für Migration bekämpfen würde statt der Migranten, würde es viel ändern..."
Büchergilde Magazin 1/2007 S 44/4550 Jahre Migration Croce und die ebenfalls angereiste Mitautorin Nuran Demir lasen Passagen dieses Bandes indem Erzählungen, Erlebnisse und Erfahrungen aus 50 Jahren Migration eingefangen sind. Bernardino Di Croce, der selbst einst als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kam und der Verein Migration & Integration in der Bundesrepublik Deutschland e.V. haben für dieses Buch Migranten/innen der ersten, zweiten und dritten Generation um ihre Erinnerungen, ihre eigene Sicht nachgefragt. So entstanden Rückblicke auf persönliche Schicksale und gesammelte Erfahrungen. Spannende, heitere, ernste Geschichten und authentische Berichte - aber auch Ausblicke auf unser gemeinsames Leben und unsere gemeinsame Zukunft. Zahlreiche, überwiegend bisher unveröffentlichte Fotografien machen den Band zusätzlich zu einem besonderen Dokument der Zeitgeschichte. 50 Jahre Geschichte der Arbeitsmigranten/innen in Deutschland ist, laut WASG Kreisvorstandssprecher Thomas Mitsch, für viele Betroffene eine Geschichte der persönlichen Erfolge und der glücklichen Momente, aber auch der Enttäuschungen, Niederlagen und des Versagens. Deutschland, „das Land, das nicht unser Land war“, hat sich in diesen Jahrzehnten rasant verändert - nicht zuletzt auch durch die Migranten selbst. Bei der anschließenden Diskussion mit dem interessierten Publikum zeigte sich das ein grundsätzliches Bedürfnis besteht, die Geschichte der Migranten/innen aufzuarbeiten aber auch die im Zusammenhang der aktuellen Ereignisse, wie z.B. Nahostkonflikt und den Äußerungen vom Papst zu diskutieren. Eine zweite Lesung ist gemeinsam mit dem Verein Ausländer und Deutsche Gemeinsam e.V. (ADG e.V.) in Esslingen geplant. Mit Orhan Pamuk durch Istanbul Freitag, 13. Oktober 2006
guerre aux migrants Le Livre noir de Ceuta et Melilla La politique européenne d’asile et d’immigration tue ! Nagib MachfusAutorenportrait des ägyptischen Nobelpreisträgers Nagib Machfus. druckfrisch und inhaltlich topaktuell möchten wir Euch hiermit unser neuestes Buch vorstellen: "Welt-Macht EUropa: Auf dem Weg in weltweite Kriege"(VSA-Verlag Hamburg). Auf 340 Seiten findet ihr eine umfassende Analyseder rasanten Militarisierung der Europäischen Union. Herausgeber sinddie beiden IMI-Vorstandsmitglieder Tobias Pflüger und Jürgen Wagner.Die etwa 30 Beiträge von IMI-MitarbeiterInnen und anderen bekanntenAutorInnen ermöglichen zusammengenommen einen tiefgehenden Einblick indie globalen und regionalen Auswirkungen der EUropäischen Machtpolitik.Das Buch kann bei IMI über eine mail an imi@imi-online.de zum Preis von 19.80 Euro inkl. Porto bestellt werden. im teil 3 Militarisierte Bevölkerungspolitik – zum Umgang der EU mit Flüchtlingen Tobias PFLÜGER/JÜRGEN Wagner (Hrsg.):Welt-Macht Europa Auf dem Weg in weltweite Kriege VSA-Verlag, Hamburg 2006, 339 S., brosch, ISBN-Nr. 3-89965-183-9, 19.80 Euro
Buchempfehlung: Hubert Heinhold: Das Aufenthaltsgesetz
Erläuterungen für die Praxis Seit Januar 2005 ist das Zuwanderungsgesetz in Kraft. GroßeHoffnungen begleiteten sein Entstehen ebenso wie große Skepsis. Auf dereinen Seite wurde durch das neue Gesetz die Rechtsstellung derFlüchtlinge im Sinne der Genfer Konvention verbessert. Der Preishierfür war jedoch eine erhebliche Schlechterstellung derAsylberechtigten. Zentraler Teil der neuen gesetzlichen Regelungen istdas Aufenthaltsgesetz. Für die Asylpraxis ist es von entscheidenderBedeutung. Rechtsanwalt Hubert Heinhold, seit vielen Jahren alsAsyl-Anwalt und Autor bekannt, führt mit seinem Buch in die komplexenaufenthaltsrechtlichen Neuerungen des Zuwanderungsgesetzes ein.Prägnant und verständlich zeigt das Handbuch die Neuerungen auf underläutert sie. [Buch bestellen]
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Orhan Pamuk:
Schnee Roman
Der Autor kehrt aus
dem Frankfurter Exil ins Innere der Türkei zurück und stößt dort auf
rätselhafte Ausformungen von Islamismus und Militärdiktatur
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Dieses Buch, der Form nach ein Roman, ist zugleich eine politische Darstellung der heutigen Verhältnisse im Innern der Türkei. Pamuk,
der zahlreiche westliche Preise erhielt, wird von allen Seiten als
Vorkämpfer des Abendlandes gefeiert, wie dem Zitat auf dem Klappentext
aus der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG zu entnehmen ist: ”Noch stehen der
Aufnahme der Türkei in die EU einige schwerwiegende Gründe entgegen.
Ihre Aufnahme in den Kosmos des europäischen Romans ist dank Orhan
Pamuk vollzogen.” Nichts
irreführender als diese Aussage, wenn sie bedeuten soll, dass wir in
Pamuk einen Propheten des Westens zu sehen haben, der eines Tages die
entferntesten islamischen Gegenden auf den rechten Weg bringen wird. Worum
geht es? Der Erzähler, vor Jahren aus politischen Gründen nach
Frankfurt emigriert, kehrt -von der Regierung geduldet- in die Türkei
zurück. Und da verschlägt es ihn in den unwirtlichsten Teil des Landes,
nahe der russischen Grenze. Er hat von der Selbstmordepidemie junger
muslimischer Mädchen gehört und will der Sache nachgehen. Zugleich
trifft er dort und will wiedertreffen die ehemalige Geliebte, die jetzt
ihrem Vater in der öden Stadt Kars das Haus führt und ihm beim Betrieb
eines Hotels hilft. Das
eindrucksvollste ist der Schnee, der unaufhörlich fällt und der die
verlassene Stadt Kars in eine Stimmung versetzt, in der es keine Zeit
mehr gibt.. Politik
und Politikerinnerungen setzen paradox an dieser Zeitlosigkeit an. Will
Politik doch in der Regel vorwärtstreiben, verändern. Wie kann sie das
aber in einer Ära des lautlosesten Stillstands, der farblöschenden
Begrabenheit? Gerade, indem sie das Unbewegliche doch noch zu verrücken
sucht, mit letzter Kraft und geschwollenen Schläfenadern. Anstrengung
aus dem Stand, den Stein zu verrücken, der nicht weichen will In
dieser Lage trifft der Erzähler auf muslimische Studenten- und er
erfährt den eigentlichen Grund des Islamismus. jedenfalls des dortigen.
Er entspringt keineswegs unmittelbar der Armut- da hätte es ihn geben
müssen, seit Anatolien bestand. Er entspringt noch weniger der
Indoktrination- denn gerade der uralte Hodscha, den alle verehren,
widersteht fast im Sinne Gandhis allen Versuchungen gewaltsamer
Veränderung. Soweit es den jungen Männern möglich ist, sich zu äußern,
ist Islamismus für sie Ausdruck der Verlassenheit, Aufruhr gegen die
Kränkung durch den immer uneinholbaren Westen. Dass alle Schüsse und
gewalttätigen Aktionen hier Ausdruckscharakter annehmen, ist
unverkennbar. Der Zweck der Tat tritt weit zurück hinter dem
Bekenntniswillen, dem Selbstdarstellungszwang in einer Welt, die nicht
nur der Schnee, sondern auch die Vergessenheit unkenntlich macht. Das
gilt eben so für die Mädchen, die sich am Kopftuh erhängen oder
Schlaftabletten nehmen: sie legen Zeugnis ab gegen die inzwischen
erstarrte Welt eines Atatürk, in der Kopftuch einfach nur noch Verstoß
gegen die Regeln der Obrigkeit bedeutet. Zentralsatz der Verlautbarung eines der Wortführer, Lapislazuli, an den Westen: “Der
Grund, warum wir hier Gott so sehr anhängen, ist nicht, wie die
Menschen im Westen glauben, dass wir so arm sind, sondern dass wir mehr
als andere wissen wollen ,was wir in dieser Welt hier zu suchen haben
und wie es in der andern Welt zugehen wird.”(S.274) Nachdem
alle Transportwege in und von der Stadt Kars ungangbar geworden sind,
kommt es anlässlich eines kleinen -patriotisch gemeinten- Theaterstücks
zu einem Putsch nicht etwa der islamistisch gesonnenen Jungen, sondern
des Militärs. Solang der Schnee liegt und jede Kommunikation
unterbrochen ist, errichten die Ortsgewaltigen eine lächerlich
präventive Diktatur gegen eine Revolution, die unauffindbar bleibt.. Es
versteht sich ,dass der Konterrevolution- “wie’s der Brauch” viel mehr
Bewohnerinnen und Bewohner des Orts zum Opfer fallen als den zum
Attentat nur willigen, aber kaum entschlossenen. Im
Tauwetter löst sich alles auf: die als Aufständische verdächtigten
verdrücken sich ins Gebirge, die Militärs bekommen von höherer Warte
die Mitteilung, es sei noch nicht so weit. Dieser
Schluss - wie wenn ein Luftballon sich seines Inhalts entleert-
unterstreicht noch einmal das Nichtige der militärisch und politisch
gemeinten Handlungen- die doch aus dem Innersten der Verzweiflung über
die gegebenen Zustände kommen. Es
blieb dem wirklich vorhandenen türkischen Militär vorbehalten, Pamuk
wegen Beleidigung des Heeres durch seinen Roman vor Gericht zu stellen.
In letzter Minute merkte jemand, dass diese Anklage in ihrer
Lächerlichkeit genau bestätigte, was Pamuk dem Militär nachsagte- Leere
und Aufgeblasenheit- und der Prozess wurde unter undeutlichem Gemurmel
eingestellt. Pamuk
hat schon in einem früheren Roman(MEIN NAME IST ROT/dt/2001) über die
Buchmalerei des Osmanischen Reichs zur Zeit der europäischen
Renaissance, als Bellini den Sultan porträtierte, nachgewiesen, dass
die Ablehnung des Perpektivischen durch die türkischen Maler , wie es
die Venezianer ihnen vormachten, nicht herrührte von Unfähigkeit noch
von Traditionsverstocktheit, sondern aus Überzeugung, nämlich der, dass
im Perspektivismus die Laus so groß sein kann wie der Prophet, je nach
Darstellung. Und aus Abscheu davor, dass alles gleich gültig und damit
gleichgültig werden solle. Indem
Pamuk so zeigt, wie es Jahrhunderte lang, auch nach dem gerühmten
Avicenna und seinen Zeitgenossen, einen argumentierenden, in sich
begründeten Gegensatz gab zwischen der europäischen Entwicklung, die in
der Gesamtaufklärung mündete, und dem eigenen orientalischen Denken,
zeigt er auch, dass uns in der Türkei, im Iran und Irak nicht
Rückständige entgegentreten, denen man endlich auf die Sprünge zu
helfen hat, sondern solche- die in voller Kenntnis der philosophisch
anderen Denkmöglichkeiten- an den eigenen festhalten. Und damit: wieso
so das Jammern um einen islamischen Luther so leer läuft , dem etwa ein
Bassam Tibi (“Leitkultur-TIBI”) sich in Augenblicken der Aufgelöstheit
hingibt. Pamuk jedenfalls wird ihnen den neuen Luther unter keinen
Umständen machen. RezensentIn: Fritz Güde
Erschienen bei Hanser 2005, 25,90 Euro. Sie können dieses Buch bei Amazon bestellen .
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