Moderne Sklaverei
Wie Gewerkschaften illegalen Arbeitsmigranten zu ihrem Recht verhelfen
Nick Brauns
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Streik marokkanischer Wanderarbeiter im andalusischen »El Ejicho« nach rassistischen Ausschreitungen im Februar 2000
Foto: dpa
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Einen besonders drastischen Fall von Zwangsarbeit mitten in Europa
deckten italienische und polnische Ermittler Mitte Juli auf. In Apulien
befreite die Polizei 113 Polen aus einem Arbeitslager. Sie mußten
täglich rund 15 Stunden auf dem Feld arbeiten – teilweise ohne Pause.
Ihre Ernährung bestand aus Wasser und Brot. Bewaffnete Männer mit
Hunden überwachten sie rund um die Uhr. Wer nicht spurte, wurde
geschlagen. Die Opfer stammten aus dem armen Osten und Süden Polens und
wurden mit dem Versprechen auf Arbeit nach Italien gelockt. Dort mußten
sie für Hungerlöhne von zwei oder drei Euro die Stunde arbeiten.
Das
Sklavenlager in Italien ist sicherlich ein Extremfall. Doch unter
ähnlichen Bedingungen arbeiten illegale Einwanderer auch in anderen
europäischen Staaten. Um Tariflöhne zu umgehen, wird die Arbeitszeit
auf bis zu 19 Stunden am Tag ausgeweitet, aber nur die vertraglich
vereinbarte Regelarbeitszeit bezahlt. Oder die Arbeiter erhalten
Tariflohn und müssen einen großen Teil des Geldes anschließend für
Unterbringungskosten zurückzahlen. »Aufgrund ihres fehlenden
Aufenthaltstitels und der damit verbundenen Angst vor Statusaufdeckung
sind sie kaum in der Lage, sich gegen Betrug oder Unterbezahlung durch
Arbeitgeber zu wehren«, heißt es in einer Studie des Bundesamtes für
Migration und Flüchtlinge. »Illegal aufhältige Migranten sind deshalb
dem Risiko ausgesetzt, in ein Arbeitsverhältnis zu geraten, das durch
Zwangsarbeit geprägt ist«, wird eine »strukturell bedingte
Erpreßbarkeit« beklagt. Schwer zu organisieren
Der Schutz der Menschenrechte und Arbeitsstandards für Arbeitsmigranten
unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem rechtlichen Status müsse
oberste Priorität besitzen, wenn die Europäische Union die Ausbeutung
illegaler Migranten stoppen wolle, forderte die Europäische
Gewerkschaftsfbund nach Auflösung des italienischen Sklavenlager. Es
gelte, Brücken aus der Illegalität für Arbeitsmigranten ohne Papiere zu
schaffen, damit diese ohne Furcht vor einer sofortigen Abschiebung über
ihre Ausbeutungsbedingungen berichten könnten.
Wenn
sich illegal beschäftigte Arbeiter finden, die bereit sind, vor Gericht
für ihre Rechte einzustehen, sei ihnen die Unterstützung der
Gewerkschaft sicher, erklärt die Pressesprecherin der Gewerkschaft
Nahrung, Genuß, Gaststätten (NGG), Karin Vladimirov. So gelang es der
Gewerkschaft in der Fleischbranche mehrfach erfolgreich, gegen
ausstehende oder zu geringe Löhne von Schlachtkolonnen zu prozessieren.
Doch viele Illegale wüßten gar nicht, daß sie illegal beschäftigt
werden, meint Vladimirov. So würden in Rumänien Fleischzerleger unter
falschen Angaben angeworben. Die Verträge können sie aufgrund fehlender
Sprachkenntnisse nicht verstehen. In Deutschland werden ihnen die Pässe
abgenommen. Sie werden separat von ihren deutschen Kollegen eingesetzt
und nachts in Containern oder Arbeiterunterkünften untergebracht. Bei
einer Razzia entdeckte die nordrhein-westfälische Polizei im
vergangenen Jahr polnische Schlachthofarbeiter, die in einem
fensterlosen Schweinestall übernachten mußten. Wenn solche illegal
beschäftigten Arbeitsmigranten gegen ihre Arbeitsbedingungen
protestieren, droht – wie auch im Falle eines Arbeitsunfalls – die
sofortige Heimschickung. Kontakte zur Gewerkschaft können diese
Wanderarbeiter nicht aufnehmen. Und falls die Gewerkschaft in einem
Betrieb nicht bereits organisiert ist, darf sie dort nicht von sich aus
tätig werden. Sprachprobleme stellen ebenfalls große Barrieren da. Vorreiter IG BAU
Dieser Herausforderung stellt sich seit rund einem Jahr der auf
Initiative der Gewerkschaft IG BAU gegründete Europäische Verband der
Wanderarbeiter EVW. »Wer arbeitet, hat einen Lohnanspruch. Wir gehen
unterschiedslos auf die Leute zu und fragen nicht, ob jemand legal oder
illegal ist«, meint der Geschäftsführer des Verbandes, Matthias
Kirchner.
75
Prozent der 1500 Verbandsmitglieder stammen aus Polen, die
zweitstärkste Gruppe aus Rumänien, dazu kommen Ungarn, Bulgaren und
Türken. Muttersprachliche Außendienstmitarbeiter suchen die Entsende-
und Saisonkräfte direkt an ihrer Arbeitsstelle und in den Unterkünften
auf. Ziel ist die Durchsetzung von Mindestlohnansprüchen der
Entsendearbeiter im Baugewerbe und von Tariflöhnen für Saisonarbeiter
in der Landwirtschaft.
Viele Arbeiter reisen schon verschuldet
an, denn sie mußten sich ihren Job erst teuer mit bis zu 1500 Euro
erkaufen, die sie sich in ihren Herkunftsdörfern bei Freunden oder
Verwandten geliehen haben. Wenn ein Auftrag zu Ende geht, bleibt die
Bezahlung schon mal monatelang aus. »Wir müssen stehlen gehen, weil wir
nichts mehr zu kauen haben«, beklagten sich rumänische Arbeiter beim
EVW. Arbeitsgerichte zu langsam
Juristische Hilfe bringt den Betroffenen meist nichts, weil das
Verfahren vor dem Arbeitsgericht zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde
und der betroffene Arbeiter zurück in seine Heimat muß. Statt dessen
sucht der Verband das Gespräch mit dem zuständigen Generalunternehmer,
der laut Gesetz auch für ausbleibende Zahlungen seiner Subunternehmer
haftet. Kommt es zu keiner Einigung, organisiert der Verband
öffentliche Proteste und mobilisiert die Presse. Im Unterschied zur
Gewerkschaft unterliegt der Verband keiner Friedenspflicht und kann
sofort zu Arbeitsniederlegungen aufrufen. In einem halben Jahr habe der
EVW rund eine halbe Million Euro direkt an seine Mitglieder ausgezahlt,
sei es in Polen, Rumänien oder sonstwo in Europa, bilanzierte Matthias
Kirchner auf der letzten Mitgliederversammlung Ende April.
Ein
Problem sind jedoch laut Kirchner die »zufriedenen Betrogenen«, die
kein Interesse an der Durchsetzung ihrer Rechte haben. Auch
NGG-Sprecherin Vladimirov weiß von rumänischen Fleischereiarbeitern,
für die ein Stundenlohn von zwei oder drei Euro viel Geld ist, das sie
nicht durch Proteste aufs Spiel setzten wollen. Dazu kommt die Angst:
»Wenn ihr nicht spurt, hetzen wir die Zigeuner auf eure Familien.« Von
solchen Drohungen berichteten rumänische Bauarbeiter dem EVW. Dagegen
ist auch eine Gewerkschaft machtlos.
www.migrant-workers-union.org