Seelbach
Abgeschobener 16-Jähriger zurück in der Ortenau
Der Ende Oktober mit seinen Eltern in den Kosovo abgeschobene
16-Jährige ist wieder zurück. Ein Unterstützerkreis sowie ein
Offenburger Rechtsanwalt hatten erwirkt, dass das Ortenauer Landratsamt
einer Rückkehr des Schülers zugestimmt hat. Das Schicksal der Familie
Tatari bewegt seit Monaten die Gemeinde im Schuttertal. In einer Nacht
und Nebelaktion waren die Eltern sowie zwei Kinder am 21. Oktober
vergangenen Jahres in den Kosovo abgeschoben worden. Zwei ältere Kinder
durften bleiben. Die Familie lebte seit 18 Jahren in Seelbach. Besonders
der 16-jährige Sohn galt als bestens integriert. Mit dem
Abschlusszeugnis hatte er einen Preis für Soziales Engagement an seiner
Schule erhalten. Mit Hilfe eines Rechtsanwalts und Kosovo-Experten
konnte der Unterstützerkreis den Jungen jetzt nach Seelbach zurückholen.
Das Landratsamt Ortenaukreis hat Mitte Januar bewilligt, dass er seine
Berufsfachschule hier fortführen kann. Eine Tante aus Kippenheim hat das
Sorgerecht übernommen. Ob auch die Eltern und die 11-jährige Tochter
zurückkommen können, ist noch unklar.
swr, 6.2.2011
Kirchenasyl für Flüchtlinge Göttingen: Abschiebung von mehr als 20 Roma in den Kosovo verhindert Von Reimar Paul
An der Wand neben dem Altar liegen ein paar Decken und Schlafsäcke. Sonst deutet nichts in der schmucklosen Göttinger Christophorus-Kirche darauf hin, daß hier vorübergehend Menschen wohnen. Ihre wichtigsten persönlichen Habseligkeiten haben Ramadan (23) und Jetmir (19) Kryeziu sowie Florim Berisha (17) in kleinen Rucksäcken verstaut.
Seit Montag abend sind die jungen Männer, deren Eltern vor etwa 20 Jahre aus dem Kosovo nach Deutschland flüchteten, im Kirchenasyl. »Es war ein akuter Notfall«, sagt der ehrenamtliche Ausländerpastor Peter Lahmann am Mittwoch gegenüber junge Welt. In der Nacht zum Dienstag hätten die drei Roma in den Kosovo abgeschoben werden sollen. »Das Kirchenasyl war das letzte Mittel, um eine neue Schandtat des Innenministeriums in Hannover zu verhindern.«
Insgesamt sollten in der Nacht 22 Roma aus dem Göttinger Blümchenviertel abgeholt und zum Düsseldorfer Flughafen verbracht werden. Von dort sollten sie nach Pristina abgeschoben werden. Anwälte konnten in einigen Fällen in letzter Minute Eilanträge durchsetzen, um die Abschiebung zu stoppen. Andere Bewohner waren nicht zu Hause. Zudem hatten Aktivisten von Flüchtlingsgruppen, darunter die Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten, eine Menschenkette zum Schutz der von Abschiebung bedrohten Roma um deren Häuser gebildet. So zogen die Vollzugsbeamten in der Nacht unverrichteterdinge wieder ab.
Die Eltern von Ramadan und Jetmir Kryeziu sind schwer erkrankt und konnten deshalb nicht abgeschoben werden. Vorläufig vor einer Ausweisung geschützt ist auch der kleine Bruder Hamit (12) – ihn müssen die Brüder im Kirchenasyl mit versorgen. Zur Familie gehört noch der 27jährige Tasip. Auch er darf vorerst bleiben, weil er eine feste Arbeitsstelle hat. Florim Berisha lebte zuletzt allein in Göttingen. Seine Eltern wurden nach Hamburg »umverteilt« und kämpfen dort um ein Bleiberecht.
Das Kosovo, wohin die Behörden sie abschieben wollen, hat Jetmir Kryeziu nie gesehen. »Ich fühle mich als Deutscher«, sagt er. Sein Bruder Ramadan reicht ein Foto herum, das ihn im Alter von drei Jahren zeigt. »Das war in meinem Ausweis, als wir nach Deutschland kamen«, erzählt er. »Wir kennen die deutsche Politik und Geschichte, im Kosovo kennen wir nicht mal den Namen vom Präsidenten.«
Die Familie Kryeziu habe in den vergangenen zehn Jahren stets mit der Angst vor einer Abschiebung leben müssen, berichtet Pfarrer Lahmann. Ihre Duldung sei immer nur für einen oder zwei Monate verlängert worden. Unter diesen Voraussetzungen fand sich niemand, der die Eltern länger anstellen wollte.
Ramadan würde gern ein Freiwilliges Soziales Jahr und danach eine Ausbildung machen – das Vorhaben scheiterte an dem unsicheren Aufenthaltsstatus des jungen Mannes. »Die Türen wurden uns alle zugemacht«, sagt er. Bruder Jetmir steht vor seinem Realschulabschluß, jobbt nachmittags bei McDonalds, abends kickt er mit seinen Freunden in einem Göttinger Fußballverein. Er sei »nicht hinreichend integriert«, entschied dennoch das Göttinger Verwaltungsgericht.
Rund 30000 Roma und Aschkali – Angehörige einer verwandten Minderheit – flohen in den vergangenen 20 Jahren aus dem früheren Jugoslawien nach Deutschland. Ein Drittel von ihnen soll nun »zurückgeführt« werden. Dabei ist bekannt, daß Roma im Kosovo diskriminiert und verfolgt werden. Viele hausen am Rand der Städte in Elendssiedlungen. Immer häufiger gibt es Übergriffe und Brandanschläge auf ihre Unterkünfte.
Vorerst organisieren die jungen Männer ihren Alltag im Kirchenasyl. Unterstützer haben Lebensmittel, eine Kaffeemaschine und Zahnbürsten gebracht. Die Roma selbst wollen das Gemeindegrundstück nicht verlassen, weil ihnen sonst die Verhaftung drohe. Daß sie nicht auf unbegrenzte Zeit in der Kirchen bleiben können, weiß auch Ausländerpastor Lahmann. Es gebe bereits Gespräche mit der Stadt, berichtet er. »Wir versuchen alles, um die Behörden und Politiker umzustimmen, damit wir wenigstens eine Aussetzung der Abschiebungen erreichen.«
http://www.jungewelt.de/2010/06-24/019.php
Der Kurzfilm heisst "Wichtige Anweisungen fuer Flugzeugpassagiere" und ist zu finden unter
http://www.puscii.nl/media/stewardessen.mpg
[02. May 2006]
Berlin: Bei Abschiebungsversuch misshandelt